Septuagesimä
Leitmotiv: Lohn und Gnade
Wochenspruch: „Wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.“
Daniel 9,18

Dienstag: Lukas 17,7-10

Thema dieses Abschnitts ist die Pflicht. Jesus umfasst „alles, was uns befohlen ist“, mit dem Begriff der Pflicht. Die christliche Ethik ist also Pflichtethik. Das verpflichtende Befohlene ist wahrhaftige Liebe in Freiheit - freiwillig, aus freiem Willen. Und darum ist die christliche Ethik gleichermaßen Verantwortungsethik. Darin ist das Neue Testament eindeutig. Wenn ich aber das tue und lasse, wozu ich mich frei entscheide, dann bleibe ich auch unabhängig von Lob und Tadel Anderer. Ich tue und lasse es nicht, um etwas davon zu haben, indem die Andern mich belohnen, sondern weil ich es für das augenblicklich Beste halte. Ich tue und lasse es um meiner selbst willen, um meines Gewissens willen. Dann ist es zwar schön und wünschenswert, Anerkennung dafür zu erhalten, aber nicht nötig. Es ist mir Lohn genug, selbstkongruent zu sein.

Es geht hier also nicht um die äußere Pflicht von Knechtschaftsverhältnissen, sondern um die innere des Gewissens. Dass Jesus dafür das Beispiel eines geradezu sklavischen Knechtschaftsverhältnisses heranzieht, ist herausfordernd. Man mag einen entwürdigenden Kadavergehorsam herauslesen und so wird der Text auch oft genug ausgelegt. Aber es ist typisch für Jesus, provokante Beispiele zu wählen. Er provoziert, damit wir uns auseinandersetzen und differenzieren. Er reibt uns sozusagen jene Auslegung unter die Nase; er bietet sie uns an, damit wir sie prüfen. Das, was „alle machen“, nämlich so mit ihren Untergebenen umgehen, sie wie selbstverständlich in Beschlag zu nehmen, ohne nach ihren Bedürfnissen zu fragen und ohne auf die Idee zu kommen, ihnen Dank zu erstatten, entspricht keineswegs dem jüdisch-christlichen Hauptgebot der Nächstenliebe. Die Knechte, die Jesus hier vor Augen führt, sind Sklaven, Ausgebeutete im System einer Herrenmoral, Ungleiche, auf deren Kosten sich andere ein schönes Leben machen. Aber wir können auch unter sehr schweren Unrechtsverhältnissen innerlich frei bleiben, unter entwürdigendsten Umständen die Würde wahren.

Meine freie Entscheidung muss mir also durchaus keinen Spaß machen. Nicht selten ringe ich sie mir gegen meinen eigenen starken inneren Widerstand ab. Nicht selten habe ich überhaupt keine Lust dazu und nicht selten bin ich aus gutem Grund empört über erlittenes und mitgelittenes Unrecht. Aber es ist, wie es ist (vgl. Text gestern): Das Christentum realisiert sich in leibhaftiger Selbstdisziplin oder es findet nicht statt.



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