5. Sonntag nach Trinitatis
Leitmotiv: Jesus nachfolgen
Wochenspruch: „Aus Gnade seid ihr selig geworden durch den Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es.“ Epheser 2,8

Mittwoch: Genesis 12,1-4

75 ist auch schon zu biblischen Urzeiten ein stattliches Alter. Die Abrahamgeschichte beginnt mit diesem Datum erst. Wahrscheinlich scheitert die krönende Frucht eines Lebenswerks oft an sich selbst erfüllenden Prophezeiungen: „Ich bin doch schon viel zu alt...“

Was wird man wohl als Analogie unserer heutigen Lebenserwartungen betrachten dürfen? Abraham sei 175 Jahre alt geworden, erfahren wir aus Genesis 25,7. „Und Abraham verschied und starb in einem guten Alter, als er alt und lebenssatt war“ (25,8). Dann hätte er also mit 75 noch nicht die Lebensmitte erreicht. Ein weiteres Datum gibt Anhalt: Als Abraham 99 Jahre alt ist, schließt Gott einen neuen Bund mit ihm (Gen 17,1ff), als er 100 ist und Sara 90, wird ihnen ein Kind prophezeit. Sie halten es beide für unmöglich. Auf unsere Verhältnisse übertragen muss das nicht heißen, dass sie bereits uralt sind, aber dass sie sich doch schon in der Phase befinden, in der man normalerweise keine Kinder mehr bekommen kann.

Als ein Mensch, der „ein gutes Alter“ erreicht, befindet sich Abraham zum Zeitpunkt seiner Berufung also in der Lebensmitte. In der Midlife-Krise entscheidet sich, ob wir einer Vision folgen, durch deren Verwirklichung sich unser Lebenswerk erst zu wahrer Reife und Frucht entfaltet, oder ob wir resignieren, wobei das Resignieren auch darin bestehen kann, dass man es sich zu bequem macht. Diese beiden, die depressive Resignation wie die lethargisch selbstgefällige Bequemlichkeit, sind wahrscheinlich die größten Versuchungen der zweiten Lebenshälfte.

Die Abrahamsgeschichte zeigt, dass wir unser Ziel, „alt und lebenssatt“ zu sterben, nur dann erreichen, wenn wir uns stets dazu herausfordern lassen, innerlich jung zu bleiben, und davon auch in höherem Alter nicht ablassen. Dieses Jungbleiben bedeutet, seiner Vision treu zu bleiben. Das ist eine Frage der tiefen inneren Überzeugung, eine Frage der Berufung. Die Kunst des guten Lebens gleich wie die Kunst des guten Sterbens ist also die Kunst, sich seiner Berufung gewiss zu werden und sich ihr ganz und gar hinzugeben.

Das kann auch bedeuten, in höherem Alter zu neuen Ufern aufzubrechen.



E-Mail: info@isa-institut.de       Datum der letzten Änderung: 30.06.2018