4. Sonntag nach Trinitatis
Leitmotiv: Die Gemeinschaft der Sünder
Wochenspruch: „Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ Galater 6,2

Inhaltliche Zusammenfassung

Das christliche Grundprinzip des Lastentragens beruht in dem Maß auf Gegenseitigkeit, wie die Tragfähigkeit verteilt ist. Wer tragen kann, der soll auch tragen, und was einer nicht selbst tragen kann, das sollen andere für ihn übernehmen. Es ist ein Geben und Nehmen (Wochenspruch Gal. 6,2).

Im Gegensatz zur Haltung des Gebens und Nehmens steht die Haltung des Forderns. Beide Haltungen üben eine ansteckende Wirkung aus. Aus der Haltung des Forderns entsteht immer neues Fordern und Ressentiments dort, wo die Forderungen unerfüllt bleiben. Wer andern folgt, die sich dieser Haltung verschrieben haben, gleicht einem Blinden, der sich von Blinden führen lässt: Beide fallen in die Grube. Den Versuch, die Haltung des Gebens und Nehmens mit der Haltung des Forderns zu verbinden, weist Jesus als Heuchelei zurück. Aufrichtige Christusnachfolge geht nicht über das hinaus, was er selbst gelehrt und gelebt hat (Lk 6,36-42).

Die andere Seite der Haltung des Forderns ist das Richten als Urteil über den Andern, der meine Forderungen entweder erfüllt oder nicht. Der Geist des Richtens identifiziert den Andern mit seinem geforderten Verhalten: Wenn er meine Erwartungen erfüllt, akzeptiere ich ihn, wenn nicht, lasse ich ihn wissen, dass ich ihn nicht akzeptiere und bestrafe ihn dafür. Jedes Nichtakzeptieren einer Person ihres Verhaltens wegen ist bereits eine Form derartigen Bestrafens, gleich welcher Art, von der subtilen Verachtung des Ignorierens bis zur Gewalt. Wirklich konstruktive Kritik hingegen unterscheidet klar zwischen der Person und ihrem Verhalten und sie differenziert auch zwischen ihrem Verhalten. Wer einen Fehler macht, der macht wahrscheinlich auch manches richtig, was vielleicht noch viel schwerer wiegt als der Fehler und darum auch Erwähnung verdient, und vor allem ist der deswegen nicht als Person selbst fehlerhaft. Konstruktive Kritik achtet darauf, diese Unterschiede behutsam zu kommunizieren, weil sie aus der Haltung des Gebens und Nehmens und nicht aus der Haltung des Forderns erfolgt (Rö 14,10-13).

Die Freiheit des Gebens ist auch die Freiheit des Ver-Gebens. Vergeben heißt, auf Forderungen, die zu Recht bestehen, freiwillig zu verzichten, weil sie nur um einen zu hohen Preis oder auch gar nicht zu erfüllen wären. Die Freiheit des Vergebens benötigt ein starkes Fundament der inneren Unabhängigkeit. Wir nennen das auch Souveränität. Joseph im Verhältnis zu seinen Brüdern ist ein gutes Beispiel dafür. Ihnen fehlt diese Souveränität, weil sie sich von der Angst beherrschen lassen. Darum können sie sich weder vorstellen, dass Joseph ihnen wirklich und ganz vergibt, noch können sie wirklich ehrlich mit ihrem Problem umgehen (Gen 50,15-21).

Wir geraten in den Bann des Bösen, wenn wir unseren Blick davon fesseln lassen. Angst und Sorge nötigen uns dazu, auf die Bedrohung fixiert zu sein. Daraus entsteht das Misstrauen in uns, und aus dem Misstrauen entsteht wiederum unser eigenes Böses Verhalten. Darum fordert uns die Bibel dazu auf, der Sorge so zu widerstehen wie dem Teufel selbst. Uns ist zugesagt, dass wir uns vor der bösen Bedrohung nicht fürchten müssen. Wie sehr wir auch von Bedrohlichem umgeben sein mögen: Wir sind doch rundum geschützt und wohl versorgt, weil der Gute Hirte auf uns achtet (1Pt 3,8-17).

Am schärfsten kontrastiert den Gegensatz zwischen der Haltung des Forderns und Richtens und der Haltung des Gebens und Nehmens die Geschichte von der ertappten Ehebrecherin. Jesus deckt auf, dass ihre Verurteilung überhaupt nur einem Heuchler möglich ist. Der Heuchler lügt sich und den Andern vor, ein besserer Mensch zu sein, weil er seine eigene Schwäche nicht kennen und wahrhaben will. Wer sich aber selbst erkennt und annimmt, wie er ist, der hat einem Menschen wie diesem gegenüber nichts mehr zu richten. Er stellt sich vielmehr unter ihn und seine Last und hilft ihm ermutigend auf (Joh 8,3-11).

Die Überwindung des Bösen kann nicht darin bestehen, es gewähren zu lassen, wo man es verhindern könnte. Darum gilt die doppelte Notwendigkeit der quantitativen und der qualitativen Überwindung des Bösen. Die quantitative Überwindung dämmt es ein und widersteht ihm mit der Drohung oder Anwendung von Gewalt. Darin liegt ein wesentlicher Sinn des Staates. Die qualitative Überwindung tut dem Übeltäter Gutes. Natürlich kommt es entscheidend auf die qualitative Überwindung an, aber ohne die quantitative kommt die qualitative nicht weit (darum schließt auch folgerichtig an Kap. 12 des Römerbriefs das über den Staat an). Es ist wichtig, die qualitative Überwindung des Bösen nicht gegen die quantitative auszuspielen. Genaus wichtig ist es aber auch, dass die quantitative ganz im Dienst der qualitativen steht (Rö 12, 17-21).

Vorschläge zur Vertiefung
  • Was bedeutet für Sie persönlich „Widerstand gegen das Böse“? Gehen Sie bei Ihrer Meditation darüber auch unangenehmen Wahrnehmungen nicht aus dem Weg.
  • Was bedeutet für Sie persönlich das Grundprinzip des gegenseitigen Lastentragens aus Gal. 6,2? Meditieren Sie den Wochenspruch mit seinem Kontext.
  • Wie erfahren Sie innere Freiheit und Souveränität? Versuchen Sie, das nicht nur verstandesmäßig zu bedenken, sondern es auch als Realität zu erspüren.



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