4. Sonntag nach Trinitatis
Leitmotiv: Die Gemeinschaft der Sünder
Wochenspruch: „Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ Galater 6,2

Donnerstag: Johannes 8,3-11

Jesus duckt sich weg, mag man zu diesem „Bücken und auf die Erde schreiben“ sagen, er entzieht sich der Gerichtsverhandlung, er hat damit nichts zu tun, er beschäftigt sich gerade mit Wichtigerem. Wichtiger als ihr großspuriges Auftreten ist es, irgendwas, das niemand liest, in den Sand zu kritzeln. Mit dieser symbolischen Geste spricht Jesus denen das Urteil, die das Urteil über die ertappte Frau gefällt haben. Sie tun ja so, als sei es mit goldenen Lettern in Marmor gemeißelt - mosaisches Wort, göttlicher Befehl, heilig, ewig, sehr erhaben.

Sie sind nicht ernst zu nehmen mit ihrer Wichtigtuerei. Sie sind so wenig ernst zu nehmen wie heute Christen ernst zu nehmen wären, die ein mosaisches Gebot wie dieses zur Norm eines christlichen Gerichtswesens nehmen wollten. Ernst zu nehmen wäre nur ihre Gefährlichkeit, man müsste alles tun, um ihre Mitmenschen vor ihnen zu schützen.

Es gibt eine Rechthaberei und Arroganz, die weder dialogfähig noch dialogwürdig ist. Vielleicht verdichtet sie sich am stärksten dort, wo Menschen erstens im verlogenen Bewusstsein reden und handeln, die Vertreter der einzig wahren Gerechtigkeit zu sein, wo sie sich zweitens darin zum Kollektiv zusammenschließen und wo sie drittens ihr Rechtsverständnis unmittelbar von scheinbar unantastbaren göttlichen Edikten herleiten. Der christliche biblizistische Fundamentalismus ist diesen drei Gegebenheiten stets gefährlich nah, und wenn er nicht in ähnliche Rigorismen verfällt wie zum Beispiel der fundamentalistische Islam, dann liegt es daran, weil sich zum einen Bibeltexte wie dieser stark gegen eine menschenverachtende Auslegung sperren, wie auch vieles, was den Kern des christlichen Glaubens überhaupt ausmacht - mit einer andern Religion täten sie sich leichter; zum andern liegt es an ihrer Inkonsequenz. Wo aber auch immer mit dem Diktat der buchstäblichen Schriftauslegung Ernst gemacht wird, entwickelt sich der Fundamentalismus (wie übrigens auch in anderen Religionen) zur Sekte. Eine Sekte ist dadurch gekennzeichnet, dass sie es besser weiß und besser macht als alle andern.

Jesus spricht diese Frau nicht nur ein bisschen frei, sondern völlig, und er tut dies nicht nur, weil sie Opfer der gesellschaftlichen Verhältnisse ist, weil es also stark mildernde Umstände gibt, sondern er tut es, weil er die Anklage aufhebt. Nur wer ohne Sünde ist, kann sich überhaupt anmaßen, über das Verhalten dieses Menschen zu urteilen, es sei denn, sein Urteil erfolgte aus der barmherzigen, mitfühlenden, mitleidenden Solidarität des Sünders mit dem Sünder, nach dem „Gesetz Christi“: „Einer trage des andern Last“. Sie ist vollkommen akzeptiert, vollkommen rehabilitiert. Nichts hat sie zu sühnen, keine Bußleistung zu erbringen, um wieder einigermaßen gesellschaftsfähig zu werden. Sie ist nur einfach wieder und neu in Verantwortung gestellt. Darum: „Sündige hinfort nicht mehr.“ Das heißt ganz schlicht: „Du bist hingefallen, steh wieder auf, und lerne ganz einfach aus dem Fehler.“ Mehr nicht. Jesus reicht ihr die Hand und richtet sie auf.



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