1. Sonntag nach Trinitatis
Leitmotiv: Das Fundament des Glaubens
Wochenspruch: „Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich.“ Lukas 10,16

Dienstag: Johannes 5,39-47

Angemessen verstehen wir diesen Text nur, wenn wir uns selbst als die Angeredeten verstehen. Völlig unangebracht ist es, mit diesem Text den Unterschied zwischen Christentum und Judentum zu markieren. Nehmen wir ihn also als Konfrontation für uns Christen selbst.

Unser Problem ist, dass wir Ehre voneinander nehmen und auf diese Weise in der Schrift forschen. Anders gesagt: Mit unserer Theologie geht es uns nicht um Gott, sondern um uns selbst. Theologie ist „Logie“ von „Theos“, auf Deutsch: Logisches Denken über Gott. Wenn wir Ehre voneinander nehmen, wird eine Scheinlogik daraus. Der Zweck jeder Scheinlogik besteht darin, Recht zu haben. Wenn Theologie aber irgendeinen Wahrheitsanspruch haben soll, kommt sie nicht darum herum, denselben Maßstab an sich selbst zu legen, der für jede Wissenschaft mit Wahrheitsanspruch gilt. Dort gilt selbstverständlich: Wenn ein Wissenschaftler sein logisches Vermögen in den Dienst der eigenen Rechthaberei stellt, mit dem völlig unwissenschaftlichen Ziel, mehr Ehre für sein Produkt zu erfahren als andere, dann verspielt er seinen Kredit. In der Philosophie steht dafür der Symbolbegriff „Sophistik“. Damit ist gemeint: Man betreibt Philosophie mit scheinbar großartigen Argumenten, um sich selbst wichtig zu tun, um des Eindrucks willen. Darum galt bei den Sophisten im alten Athen, deren großer Störenfried Sokrates war, die Rhetorik als wichtigste philosophische Kunst, nach dem Motto: „Wer am meisten Eindruck macht, hat Recht.“

In der christlichen Theologie gibt es unglaublich viel Sophistik. Darum wird auch der Predigt eine übergroße Bedeutung zugemessen und die Qualität der Predigt wird nicht nach ihrem logischen Gehalt, sondern nach ihrer emotionalen Wirkung beurteilt.

Ehre, wem Ehre gebührt! Der Ehre wert ist alles Ehrbare, Ehrenhafte, Ehrwürdige und Ehrliche, aber nicht jeder Ehrgeiz. Wer Ehre verdient, soll sie auch bekommen. Jesus kritisiert nicht, dass wir einander Ehre geben, sondern dass wir sie voneinander nehmen: Wir stehlen sie einander! Stehlen heißt: Ich nehme mir etwas, was dem andern zusteht.

Aus der Perspektive dieser Überlegungen bildet die zweite Tafel der zehn Gebote, die übrigens auf die ausdrückliche Aufforderung, den Eltern Ehre zu geben, folgt, einen schlüssigen Sinnzusammenhang: Indem wir Ehre voneinander nehmen, stehlen wir nicht nur. Wir reden auch „falsch Zeugnis widereinander“, weil wir begehren, was uns nicht zusteht. Und das ist eine mörderische Gesinnung. Kain bringt Abel um, weil er Abel die Ehre verweigert. Mord ist die extremste Form der Entehrung.



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