Rogate
Leitmotiv: Das Gebet
Wochenspruch: „Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet.“ Psalm 66,20

Inhaltliche Zusammenfassung

Beten ist Herzensbewegung. Das Herz bewegt sich nicht selbst, sondern es wird bewegt durch den Geist. Wir beten, wenn der Heilige Geist das Herz bewegt. Diese Erfahrung lässt sich aber nicht von der Bewegung unseres eigenen Geistes trennen, weil die Trennlinie zwischen unserem Geist und dem Geist Gottes nur eine gedachte ist, eine Hilfslinie wie die Bleistiftlinien einer Skizze, durch die wir einen Gegenstand vom anderen dort scheiden, wo es in Wirklichkeit gar keine Linie gibt, das nachzeichnende Abbilden einer Realität, deren Wirklichkeit der Zeichnung ähnlich, aber doch auch ganz anders ist. Weil jeder Geist dem Wesen nach unsichtbar ist, lässt er sich noch dazu gar nicht gegenständlich denken. Greifbar wird uns nur die Wirkung. Gebet ist Geisteswirkung.

Das Beten im Namen Jesu ist Beten in Übereinstimmung mit seinem Willen und dadurch mit dem Willen Gottes (Joh 16,23ff). Die Zusage der völligen Erhörungsgewissheit, die Jesus uns gibt, bezieht sich auf das Gebet des Herzens, sofern es mit dem Willen Gottes übereinstimmt. Wenn wir Gottes Ziele auch im Allgemeinen einigermaßen begreifen und bejahen, machen wir uns doch oft falsche Vorstellungen davon, wie der Weg dorthin aussieht. Daraus entsteht die scheinbare Diskrepanz zwischen der zugesagten Gebetserhörung und der tatsächlichen Gebetserfahrung. Weil wir noch nicht genug davon verstehen, wie sich Gottes Wille in unserem Leben konkretisieren will, interpretieren wir die enttäuschte Gebetshoffnung, das Nein Gottes zu unseren Bitten, als existenzielle Bedrohung, auf die wir mit großer Angst und Wut reagieren, so wie sich eine Hummel dem Blatt Papier widersetzt, mit dem ihr Retter sie von den verzweifelten Versuch, durch ein geschlossenes Fenster zu fliegen, in die Freiheit dirigiert. (Lk 11,5-13).

Es gibt zwei Schwerpunkte des Betens: Dank und Klage. Das dankende Beten erkennt Sinn in der Erfahrung, weil sie erkennbar der Weg zum guten Ziel ist. Das klagende Beten kann den Sinn noch nicht erkennen, ringt aber mit aller Macht darum. Klage und Dank sind eins in der Radikalität des Vertrauens und darin des Widerstands gegen den Sorgengeist (Kol 4,2-6). Im Festhalten des Vertrauens liegt die Kraft des Betens. Gott ist durch und durch barmherzig und hält sein Versprechen, sich über uns zu erbarmen (1Kö 8,22-28).

Aus sich selbst heraus kann Gebet gar nichts bewirken. Es bewegt auch nicht Gottes Arm, wie oft behauptet wird, denn Gott bewegt sich selbst. Alle Selbstwirksamkeit, die dem Gebet zugeschrieben wird, beruht auf magischen Vorstellungen. Das bedeutet nicht, dass Beten keine heilsamen Auswirkungen auf unsere Seele hat. Im Gegenteil: Die Herzensbewegung ist die große Kraft der Inspiration und Ermutigung.

Die Herzensbewegung des Betens wirkt sich darin aus, dass wir Verantwortung übernehmen. Mit der Intensität des Betens korrespondiert die Weite des Horizonts der wahrgenommenen Verantwortung. Der Betende wird zum Stellvertreter. Er betet nicht gegen die Welt, sondern für die Welt, weil ihn der Geist dazu bewegt, nicht gegen sie, sondern für sie zu sein. Er entzieht sich nicht der Welt, sondern solidarisiert sich und stellt sich unter ihre Last. In dieser Stellvertretung im Namen Jesu, in seinem Willen und seiner Vollmacht also, findet die Kirche ihren Sinn. Ein Beten, das sich nicht in wahrgenommener Verantwortung konkretisiert, sondern sie ersetzt, ist Geschwätz (1Tim 2,1-6). Darum sagte Dietrich Bonhoeffer: „Wer nicht für die Juden schreit, darf auch nicht gregorianisch singen“.

Der ganze christliche Glaube ist Herzensbewegung der Sehnsucht. Das Ziel der Sehnsucht ist die Liebe Gottes, die sich in Jesus offenbart hat. Wir verlangen nach der wahren Menschlichkeit, die in seinem Leben Ausdruck fand, in seinem Handeln zum bleibenden Zeichen der Hoffnung wurde und in seinem Worten mit uns geht. Nichts als die Liebe zieht und treibt den echten christlichen Glauben und durch nichts sonst ist er in höchstem Maß attraktiv für alle Menschen (Himmelfahrtsfest, Joh 12,32).

Vorschläge zur Vertiefung
  • Üben Sie hörendes Beten. Experimentieren Sie damit. Finden Sie Ihren eigenen Stil.
  • Meditieren Sie die Geschichte von Maria und Marta (Lk 10,38-42). Was bedeutet für Sie selbst das „Eine, das not tut“? Konkret?
  • Überlegen Sie, ob und wo Sie in der Vergangenheit die Achtsamkeit der echten Klage und des echten Dankens durch Gebetsaktivismus kompensiert haben. Wie sieht Ihr Beten aus, wenn es nur noch das zum Inhalt hat, was wirklich Ihr Herz bewegt?
  • Welche Anzeichen erkennen Sie dafür, dass die Gebetsbewegung Ihres Herzens Sie in konkrete Verantwortung führt? Was bedeutet das für Sie?



E-Mail: info@isa-institut.de       Datum der letzten Änderung: 05.05.2018