Rogate
Leitmotiv: Das Gebet
Wochenspruch: „Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet.“ Psalm 66,20

Samstag: Wochenspruch

Paulus schreibt über das Gebet: „Wir wissen nicht, was wir beten sollen“ (Rö 6,26). Aus dem Zusammenhang dieser Aussage wird deutlich, dass er damit nicht nur besondere Notsituationen meint, in denen es uns die Sprache verschlägt. Um zu verstehen, was er wirklich sagen will, sei die ganze Passage zitiert:

„Denn wir sind zwar gerettet, doch auf Hoffnung. Die Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man auf das hoffen, was man sieht? Wenn wir aber auf das hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir darauf in Geduld. Desgleichen hilft auch der Geist unsrer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich's gebührt; sondern der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen. Der aber die Herzen erforscht, der weiß, worauf der Sinn des Geistes gerichtet ist; denn er vertritt die Heiligen, wie es Gott gefällt. Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind“ (Rö 8,24-28).

Daraus folgt:

(1) Wir wissen nicht, was wir beten sollen, weil wir das, was wir hoffen, nicht sehen. Was wir aber nicht sehen, können wir auch nicht in Begriffe fassen und darum nicht zur Sprache bringen. Wir haben Vorstellungen und sogar Visionen, die aber das Ziel unserer Hoffnung immer nur symbolisieren können. Das Ziel selbst bleibt unaussprechlich.

(2) Der Geist weiß um dieses Ziel, aber weil es unaussprechlich bleibt, fasst er es nicht in Worte. Er seufzt. Wir erfahren das Seufzen als Bewegung des Herzens auf das Ziel unserer Hoffnung hin. Diese Bewegung kommt nicht aus uns selbst, sondern wir selbst sind die Bewegten. Darum sagt Paulus, dass der Geist uns „vertritt“: Er tritt für uns ein. Er schafft in uns, was wir nicht schaffen können: die Herzensbewegung des rettenden Glaubens. Wenn wir in Wahrheit beten, dann nur als Mitbetende, Mitgenommene im Doppelsinn des Wortes, bewegt durch den Geist, der selbst in uns betet, indem er uns auf das Ziel hin bewegt. Alles Beten, das nicht aus dieser Herzensbewegung kommt, ist entweder Notschrei oder Geschwätz.

(3) Es ist bezeichnend, dass Paulus hier nicht zwischen Gottes Geist und unserem Geist unterscheidet. Man mag sagen: Beten ist die inspirierte Bewegung unseres eigenen Geistes. Paulus sagt im selben Kapitel: „Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind“ (Rö 8,16). Wörtlich steht hier: „Er bezeugt zusammen mit unserem Geist“. Die Gewissheit der Vertrauensbeziehung zu Gott entsteht also aus dem Einklang unseres Geistes mit seinem Geist. Musikalisch ausgedrückt: Gottes Geist und unser Geist bezeugen es unisono. In ihrem Gleichklang sind die Stimmen nicht unterscheidbar. Das hat seinen Grund darin, dass es überhaupt keine greifbare Trennlinie zwischen unserem Geist und Gottes Geist gibt, weil unser Geist so unsichtbar und unbegreifbar ist wie Gottes Geist. Diese Unsichtbarkeit und Unbegreiflichkeit entspricht der Unsichtbarkeit und Unaussprechlichkeit des Ziels der Hoffnung.

(4) Wir wissen nicht, wie wir beten sollen, aber wir wissen, dass uns alle Dinge zum Besten dienen müssen. Das ist der Schlüssel zum Gebet des Herzens. Er dreht sich im Schloss durch ehrliche Klage und ehrlichen Dank. Klage ist das Ringen um dieses Wissen, wenn die Erfahrung stark dagegen spricht. Klage ist kämpfender Widerstand gegen die Sorge. Dank ist das Einschwingen auf dieses Wissen, das singende und klingende kindlich unbesorgte Vertrauen.



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