Kantate
Leitmotiv: Die singende Gemeinde
Wochenspruch: „Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder.“ Psalm 98,1

Dienstag: Matthäus 21,14-22

„Der Glaube versetzt Berge“. Der Text legt es darauf an, das als schlichte Wahrheit ohne Wenn und Aber zu bezeugen. Erfahren wird diese Wahrheit nur in der Unmittelbarkeit der Kindlichkeit. Die Kinder schreien begeistert heraus, was sie erkennen. Sie zweifeln nicht. Sie begegnen dem, was sie mit Jesus erleben, ohne Misstrauen. Sie haben keinen Grund zum Argwohn.

Diese Kindlichkeit, die sich gar nicht selbst als Kindlichkeit reflektiert, wird gemeinhin als Naivität bezeichnet. Das Wort hat einen Doppelklang; der negative überwiegt: Naivität ist Dümmlichkeit. Der Naive hält etwas für wahr, ohne es zu prüfen. Der andere, schöne Klang des Wortes ist seine Grundbedeutung „Natürlichkeit“. Das Naive ist eigentlich das „Angeborene“. Das angeboren Natürliche ist ganz unverfälschtes Menschsein, ganz authentisch, ganz ehrlich, ganz wahrhaftig, ganz stimmig. Es ist das menschlich Schöne. Es ist anmutig, ganz ohne Krampf und Künstlichkeit. Es ist der Zauber der Kindlichkeit.

Dümmlich wird die Naivität durch den Betrug. Wenn ein Kind an den Nikolaus glaubt, ist es natürlich, wenn es ein Erwachsener immer noch tut, ist es dümmlich. Die dümmliche Naivität ist nicht kindlich, sondern kindisch. So nennen wir Anschauungen, die wider besseres Wissen trotzig weiter als Wahrheiten behauptet werden. Wer sich so verhält, geht dem Betrug anderer auf den Leim oder betrügt sich selbst.

Reife Kindlichkeit, erwachsene Kindlichkeit, ist bewahrte Natürlichkeit, die gelernt hat, das Glaubwürdige vom Unglaubwürdigen zu unterscheiden. Anscheinend gelingt das sehr oft nicht. Die Kindlichkeit bleibt auf der Strecke und mit ihr die Natürlichkeit. Wenn sie aber auf der Strecke bleibt, fehlt der Beurteilung des Glaubwürdigen das Maß. Erwachsene, die ihre Kindlichkeit geopfert haben, halten darum Unglaubwürdiges für glaubwürdig und Glaubwürdiges für Unsinn. Ihr Kriterium für Glaubwürdigkeit ist nicht die Natürlichkeit, sondern das, was unter den Erwachsenen, die ihre Kindlichkeit verleugnen, als schick gilt. Das natürliche Empfinden macht den dogmatischen Ansprüchen derer Platz, die so tun, als hätten sie die Weisheit mit Löffeln gefressen. Sehr treffend hat das Christian Andersen in „Des Kaisers neue Kleider“ parodiert: Dort sieht allein das ganz naive Kind die Wirklichkeit, wie sie ist. Alle anderen bilden sich ihr großartiges Wissen nur ein.

Es ist überaus bedenkenswert, dass Jesus die Berge versetzende Macht des Glaubens in der wahren Natürlichkeit verortet. Darin liegt nicht nur das Geheimnis gesunden Glaubens, sondern auch das Geheimnis gesunden, hoffnungsvollen Menschseins überhaupt, ja, darin liegt die Zukunft der Menschheit. Das gilt es zu verstehen und zu lernen.



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