Jubilate
Leitmotiv: Die neue Schöpfung
Wochenspruch: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur. Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ 2. Korinther 5,17

Inhaltliche Zusammenfassung

Die Erneuerung, um die es in dieser Woche geht, ist nicht nur ein neuer Anstrich oder eine neue Auflage von Altem. Das Neue der neuen Schöpfung ist wirklich neu und wirklich neu bedeutet immer: noch nie dagewesen. Darunter ist nicht das Sensationelle zu verstehen, das sich sehr oft im Nachhinein als gar nicht so neu entpuppt, wie es schien. Das wirklich Neue setzt eher im Alten an, jedenfalls steht es in Bezug dazu. Es nimmt etwas im Alten auf, was bisher noch nicht zur Wirkung kam. Darum kann paradoxerweise zum Beispiel die Archäologie wirklich Neues hervorbringen. Das wirklich Neue ist wirk-licher Fortschritt. Als solcher ist es immer inspiriert, also „eingehaucht“, immer letztendlich Schöpfungswerk des einen Schöpfers. Kreativität ist eine gute Gabe Gottes. Böse Kreativität gibt es nicht. Das Böse ist zutiefst banal, entsetzlich langweilig. Es ist nicht fähig zu schöpferischem Handeln, weil es sein Gegenteil ist.

Das wirklich Neue, das Schöpferische, das wirklich Kreative ist immer Ausdruck der Liebe. Wenn Jesus die Jünger und mit ihnen die Kirche aller Zeiten auf die Liebe verpflichtet, dann bedeutet das zugleich die Verpflichtung auf ein mutig kreatives Leben. Lieben ist keine Kraftanstrengung, sondern eine aufmerksame Hinwendung zum Gegenüber der Liebe. Hinsichtlich des Verhältnisses zu ihm selbst sagt Jesus „Bleiben“ dazu. Im Bleiben entsteht die Frucht der Liebe ohne Anstrengung, einfach aus der lebendigen Beziehung heraus (Joh 15,1-9).

Somit ist der Anspruch, den die Liebe an uns erhebt, nicht schwer. Schwer fällt es uns nur immer wieder, diesem Anspruch treu zu bleiben, weil der lieblose Geist, der die Welt dominiert, uns in die Flucht schlagen will. Nicht das Bleiben ist das Schwere, nicht das Gebot, sondern der Widerstand. Aber auch der setzt uns nur in dem Maß zu, wie wir dem Geist der Lieblosigkeit, der identisch ist mit dem Geist der Sorge, Glauben schenken (1Joh 5,1-4).

Die Neugeburt der Neuschöpfung Gottes in uns durch den Glauben ereignet sich als Folge der verstehenden Begegnung mit Gottes Geist: Wir nehmend hörend auf, was er uns sagt. Wir erklären es nicht, sondern wir verinnerlichen es. Unsere Bemühungen, den Willen Gottes zurechtzuerklären, statt ihn tastend und horchend zu empfangen, führen in alle möglichen theologischen Sackgassen einer Bibelauslegung ohne Kreativität. Statt Neues hervorzubringen, drischt sie alte Phrasen neu. Ihre vermeintliche Klarheit verhüllt in Wirklichkeit den lebendigen Zuspruch und Anspruch des Evangeliums (Joh 16,16-23).

Die Erneuerung des „inneren Menschen“, von der Paulus redet, ist so unsichtbar wie der, durch den sie geschaffen wird. Und doch ist sie als Unsichtbare in keiner Weise unwirklich. Unwirklich ist vielmehr die Verwechslung des Unsichtbaren mit den Bildern, in denen es uns verhüllt und transparent zugleich symbolisch erscheint. Offenbarung ist nicht der „Klartext“, den die Jünger aus der Rede Jesu herauzuhören glaubten, obwohl sie so bildhaft blieb wie zuvor. Offenbarung geschieht, wenn uns die Bildersprache Gottes so zu Herzen geht, dass wir im Innersten betroffen, berührt und bewegt sind. Dann wird sie uns zum innersten Motiv. Das ist lebendiger Glaube. Lebendiger Glaube ist nicht mehr Bezogenheit auf ein Äußeres, das man angelernt hat, das aber doch nichts Eigenes ist, sondern er ist ganz und gar Eigenes. Lebendiger Glaube ist darum reine Selbstbestimmung und Freiheit (2Kor 4,16-18).

Die schöpferische Selbstbestimmung des Menschen aus der Kraft des Glaubens nimmt die Schöpfung des einen, wahren Schöpfers ernst. Sie weiß sich als verantwortlichen Teil der Natur. Die Natur der Umwelt wie die eigene ist uns Menschen zum liebenden Geben und Nehmen anvertraut; wir brauchen sie so wie sie uns. Der verantwortliche Einklang mit der Natur ist das, was man als „Natürlichkeit“ bezeichnet. Das Grundprinzip der Natürlichkeit unserer eigenen Natur ist die Polarität des Weiblichen und Männlichen. Alle Einseitigkeiten des Geschlechterverhältnisses anstelle der schöpfungsgemäßen Ergänzung schaden der Menschlichkeit; die geschädigte Menschlichkeit wiederum übt destruktiven Einluss auf ihre menschliche und nichtmenschliche Umwelt aus (Gen 1,1-4.26-31; 2,1-4a).

Der „unbekannte Gott“, von dem Paulus in der Areopagrede spricht, ist der unsichtbare und in seiner Unsichtbarkeit auch unverfügbare, ungreifbare, absolut souveräne Gott. Wenn er sich uns auch in Wort und Bild offenbart, so bleibt er denoch unsichtbar, und der Glaube ist darum das Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. Jede Vergegenständlichung Gottes wie auch von zu solchem erklärtem „Göttlichen“ ist irreführende Magie, ganz unabhängig von der Glaubensform, in der sie sich ereignet; qualitativ nichts anderes als der Götzenglaube, den Paulus kritisiert. Aber nicht nur Gottes Geist ist unsichtbar, sondern jeder Geist. Anders formuliert: Ein sichtbarer Geist ist vielleicht ein Gespenst, aber kein Geist. Wesentlich für jeden Geist ist Unsichtbarkeit. Die Wirkungen des Geistes sind erkennbar, der Geist selbst lässt sich nur durch Rückschluss aus den Wirkungen erkennen. Wir müssen darum auch unterscheiden zwischen dem Geist des Menschen und den mentalen Vorgängen in einem Menschen. Sie sind nicht identisch. Alles Mentale, das wir in uns selbst wahrnehmen und reflektieren, ist nicht Geist, sondern Seele.

Vorschläge zur Vertiefung
  • Wenn Sie die Geschichte der Menschheit betrachten: Was war daran wirklich neu und hat sie voran gebracht, ihrem Ziel näher zu kommen, sich von der Unmenschlichkeit weg zu immer mehr wahrer und natürlicher Menschlichkeit zu entwickeln? Nehmen Sie dazu nicht nur den religiösen Glauben in den Blick, sondern besonders auch die Kultur: Wissenschaft, Kunst, Politik...
  • Was halten Sie von dem Gedanken, dass alles wirklich Neue auch gut ist und darum vom Geist Gottes inspiriert?
  • Wie definieren Sie Ihre eigene Kreativität?
  • Wie denken Sie über das Verhältnis des christlichen Glaubens zu Freiheit und Selbstbestimmung?



E-Mail: info@isa-institut.de       Datum der letzten Änderung: 22.04.2018