Jubilate
Leitmotiv: Die neue Schöpfung
Wochenspruch: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur. Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ 2. Korinther 5,17

Mittwoch: 2. Korinther 4,16-18

Paulus bringt in diesen Versen das Paradox des Glaubens präzise auf den Punkt: Es ist Sehen auf das Unsichtbare, Schauen auf etwas, das man nicht sieht und nicht sehen kann. Wie kann das aber sein? Jedes Schauen sieht etwas. Wenn wir die Augen aufmachen, sehen wir etwas, und wenn wir sie schließen, sehen wir ebenfalls sehr viel: zahllose Farbpunkte, die miteinander den Eindruck der Schwärze ergeben, und einen unendlichen Strom von Bildern, die unser Gehirn ins Bewusstsein treten lässt.

Der große Irrtum religiösen Glaubens ist die Meinung, das Unsichtbare sehen zu können. Aber das Sehen auf das Unsichtbare ist, so widersinnig es auch erscheint, definitiv ein Nicht-Sehen. Das heißt: Wir machen uns bewusst, was wir nicht sehen können, was wir aber dennoch wissen. Der Glaube ist ein Nichtzweifeln an dem, was ich weiß, ohne es sehen zu können.

Ich weiß, dass ich bin, aber ich kann mich in meinem Wesenskern nicht sehen. Der Wesenskern ist das, was Paulus den inneren Menschen nennt. Alles, was ich an mir sehen kann, ist äußerer Mensch. Es handelt sich um den Unterschied von Ich und Selbst. Ich sehe mich selbst, aber ich sehe nicht mein Ich, denn ich bin das Sehende. Das Sehende kann sich nicht selbst sehen, aber es weiß, dass es sieht, weil es sieht. Darum hat Descartes gesagt: „Ich denke, also bin ich.“ Denken ist Sehen. Bewusstsein ist Sehen. Nichts ist mir so gewiss wie mein Denken und Sehen, aber ich kann mich als Denkenden und Sehenden nicht sehen. Indem ich aber glaube, was ich weiß, sehe ich das Unsichtbare.

Wir sagen „Selbstbewusstsein“, aber es müsste besser „Ichbewusstsein“ heißen. Ungesunder religiöser Glaube kompensiert dieses Bewusstsein durch Gottesvorstellungen. Es ist völlig unsinnig, diese Vorstellungen meiden zu wollen, wie das die so genannte „negative Theologie“ intendiert, sie sind vielmehr notwendig. Darum ist die Bibel voller Bildgeschichten, die sich als Symbole des Unsichtbaren zwischen uns und die Ewigkeit schieben und in der Symbolik ihr Unsichtbares andeuten. Das Unsichtbare in der Symbolik der Bilder des Glaubens ist das Mysterium: Geheimnis des Glaubens. Was sich uns durch das Symbol aus dem Unsichtbaren transzendiert, ist Offenbarung. Offenbarung ist nicht das Sichtbarwerden des Unsichtbaren - eben darin besteht jener große Irrtum. Offenbarung ist vielmehr die gewisse Kraft des Glaubens, deren Ursprung und Wirkweise so unsichtbar bleibt wie der Wind, der die Blätter bewegt. Offenbarung ist die Kraft der Erneuerung des „inneren Menschen“, die Kraft des Ichbewusstseins, aus der wir die Kraft der Selbstbestimmung gewinnen. Und das ist nichts anderes als die Kraft der Freiheit.



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