Miserikordias Domini
Leitmotiv: Der Gute Hirte
Wochenspruch: „Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben.“ Johannes 10,11.27-28

Inhaltliche Zusammenfassung

Dass wir Menschen in der Bibel so gern mit den Schafen verglichen werden, liegt wahrscheinlich daran, dass wir bei aller Intelligenz sehr dumm sein können. Was unsere Sozialkompetenz angeht, verhalten wir uns oft noch deutlich dümmer als die Schafe, weil wir unseren Mangel an Instinkt nicht durch Vernunft ausgleichen. Der Gute Hirte leitet uns an, dass wir als Menschen auch wirklich menschlich leben.

Damit er sich nicht zum Unmenschen entwickelt, braucht der Mensch Erziehung und Seelenführung, metaphorisch gesagt: er braucht Hirten. Der Gute Hirte ist der Erzhirte solcher Pädagogik, die unsere Defizite reguliert und die Reifung der Persönlichkeit so fördert, dass sie ein Stück weit überwunden werden.

An der kleinen „Schafherde“ des ersten Jüngerkreises, von der Jesus im Evangeliumstext (Joh 10,11ff) vor allem spricht, offenbart sich den Evangelienberichten nach mehr die Dummheit als die Vorbildlichkeit, die jene Auserwählten erstrebten. Aber in der engen Verbindung zum Hirten, die so eng ist wie die Verbindung einer Rebe zum Weinstock, kommt die Erwählung zum Ziel. So ist das menschliche Defizit kein Hindernis für die Wirksamkeit der Liebe im Beziehungsverhältnis zwischen dem Guten Hirten und uns.

Die reine Liebe und vollkommene Wahrhaftigkeit des einen Guten Hirten widerspricht dem Geist der Lieblosigkeit und Unwahrhaftigkeit, der die Welt dominiert, so sehr, dass ihn die vorherrschende Unmenschlichkeit kreuzigt. Indem wir seinem Vorbild folgen, erfahren wir Ähnliches. Dadurch verwirklicht sich aber auch in uns seine wahre Menschlichkeit. Sie wird den Sieg behalten. Darin liegt der Sinn der Christusnachfolge (1Pt 2,21-25).

Der Mensch missbraucht seine Macht, wenn er sie nicht der Goldenen Regel gemäß in den Dienst stellt. Das Prinzip der Machtausübung als Dienst ist das Geben und Nehmen des Brauchens und Gebrauchtwerdens. Brauchen ist nicht dasselbe wie Abhängigkeit, aber die innere Unabhängigkeit zu wahren, ohne zu bekommen, was man braucht, kann sehr schwer sein. Machtmissbrauch äußert sich mit besonderer Stärke in der Ignoranz. Der Ignorierte wird nicht gebraucht. Von der Ignoranz sind Schwache wie Starke gleichermaßen betroffen: Schwache, indem sie keine Hilfe und Ergänzung erfahren, Starke, indem ihre Kompetenzen missachtet werden (Hes 34,1ff).

Der pastorale Dienst in der Gemeinde hat seine Aufgabe darin, den Einzelnen in der Doppelseitigkeit seines Bedürfnisses, die andern zu brauchen und von ihnen mit seinen Gaben und Fähigkeiten gebraucht zu werden, zu schützen und zu fördern. Das gemeinsame Grundprinzip der auf diese Weise Leitenden und der Gemeinde ist die Demut als Bereitschaft zum Dienst. Frei dazu ist, wer nicht von der Sorge bestimmt wird, sondern ganz auf die Fürsorge Gottes vertraut (1Pt 5,1-7).

Andererseits kann die Dienstwilligkeit nur authentisch sein, wenn sich der Einzelne nicht selbst überschätzt. Der erhabene pastorale Anspruch, den anderen in der Kraft göttlicher Agape zu dienen, darf der Einsicht weichen, dass man auch im pastoralen Dienst nichts weiter als ein Mensch unter Menschen ist (Joh 21,15-17).

Der Weg des Guten Hirten selbst und der Weg derer, die ihm folgen, führt durch finstere Täler zum Leben. Dafür sorgt Gott selbst, das Urbild des Guten Hirtens schlechthin. Durch die Kraft des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe wird gerade in den Krisenerfahrungen die Lebenstüchtigkeit gestärkt: Darin finden wir Glück, weil unser Leben gelingt (Hb 13,20f).

Vorschläge zur Vertiefung

  • Was bedeuten diese Texte für Ihr Verständnis von Seelsorge (Pastoral)?
  • Was bedeuten diese Texte für Ihr Verständnis von sozialkompetenter Führung?
  • Meditieren Sie Ihr persönliches Verhältnis zum Guten Hirten Jesus Christus.
  • Worin bestehen Ihre persönlichen finstern Täler? Welche Erfahrungen haben Sie dort gemacht? Wie haben Sie Ihren Glauben darin erlebt?



E-Mail: info@isa-institut.de       Datum der letzten Änderung: 14.04.2018