Palmarum
Leitmotiv: Der Passionsweg
Wochenspruch: „Der Menschensohn muss erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.” Johannes 3,14-15


Inhaltliche Zusammenfassung

Der Weg Jesu führt durch die tiefste Tiefe zu Licht und Sieg. Wenn wir ihm nachfolgen, bleibt auch uns die Tiefe nicht erspart. Sie ist aber nicht Selbstzweck. Wir reifen daran und der Glaube wird stark dadurch, gerade dort, wo unsere eigene Fähigkeit zu vertrauen überfordert ist.

Angst, Vorurteil und Oberflächlichkeit hindern uns daran, die Zeichen zu erkennen, in denen der Sinn dunkler Wegstrecken aufleuchtet, um uns Hoffnung zu geben (Evangelium Joh 12,12-19). Der Passionsweg Jesu fügt sich in den Sinnzusammenhang des kommenden Friedensreiches Gottes. Die tröstlichen Zeichen dafür, dass in der erfahrenen Sinnlosigkeit dennoch Sinn verborgen liegt, offenbaren sich uns, wenn wir die Hoffnung nicht aufgeben .

Der Weg Jesu ist Ausdruck seiner Gesinnung (Phil 2,5-11). Jesus sinnt nur auf eines: zu lieben. Liebe ist grundsätzlich ein wechelseitiges Geschehen. Darum sind Selbstliebe und Nächstenliebe untrennbar verbunden. Wer seinen Mitmenschen wirklich liebt, der liebt auch sich selbst, und wer sich selbst wirklich liebt, der liebt auch seinen Mitmenschen. Diese Nächstenliebe, die ganz mit der Selbstliebe kongruent ist und darum ganz aus freiem Willen kommt, kann so stark werden, dass sie zur völligen Selbsthingabe wird. Das kennzeichnet Jesus und seine Passion.

Das Prinzip der Selbsthingabe aus Liebe ist Achtsamkeit (Mk 14,3-9). Wenn in der zuhörenden, empfangenden Nachfolge Jesu die Liebe zu ihm wächst, dann stellt sich auch das Gespür für die Wahrnehmung der reifen Zeitpunkte ein, zu denen es geboten ist, dieser Liebe in besonderer Weise Ausdruck zu verleihen. Solche Maßnahmen der Dankbarkeit können den Rahmen des Gewohnten deutlich überschreiten. Obwohl sie besser zur Situation passen als alles andere, werden sie aber dennoch von denen, die nicht achtsam sind, nicht verstanden. Achtsamkeit ist darum nicht ohne den Preis des Unverstandenseins zu haben.

An der Scheidelinie zwischen Achtsamkeit und Unachtsamkeit braucht Letztere achtsamen Widerstand (Jes 50,4-9). Es ist ein wesentlicher Aspekt des Passionswegs Jesu, dass er die Entwürdigung an sich geschehen lässt, ohne ihr nachzugeben. Sein königlich souveräner Umgang mit dem Unmaß der Entwürdigung, das ihm zugefügt wird, spricht denen, die sie ihm antun, das Urteil. Liebe ist überaus weich und nachgiebig, wenn es darum geht, Freiheit und Würde Raum zu schaffen. Liebe ist hart und unnachgiebig wie Stein, wenn der Geist der Unfreiheit und Entwürdigung den Raum beansprucht. Die wahrhaftige Liebe der Kongruenz von Selbstliebe und Nächstenliebe macht keinen Unterschied, ob es dabei um die Würde eines anderen Menschen oder um die eigene geht.

Es hat guten Grund, dass der Karfreitag eingerahmt wird durch Gründonnerstag und Karsamstag. Am Gründonnerstag verdichtet sich unser Erinnerungsweg durch die Karwoche. Das Abendmahl als Zeichen der Erinnerung schlechthin rückt in die Mitte der Aufmerksamkeit. Die Erinnerung der Karwoche ist schwer und tröstlich zugleich, wenn unser Blick auf Jesus allein gerichtet bleibt.

Das Schwere an der Karfreitagserinnerung ist die Unerträglichkeit der unauflöslischen Paradoxie, dass das Zeichen des Kreuzes zugleich Zeichen der Liebe schlechthin ist als auch Zeichen des Hasses schlechthin. Das Unerträgliche ist nicht der Hass der Menschen, sondern der Hass Gottes auf seinen angeblich geliebten Sohn. Unser Sprachgefühl wehrt sich gegen die Vokabel „Hass“ an dieser Stelle und verlangt, sie durch das erhabene Wort „Zorn“ zu ersetzen. Aber ein Gott und Vater, der seinen Sohn aus Zorn qualvoll sterben lässt, kann ihn nicht zugleich auch lieben, er sei denn schizophren. Diesen Widerspruch halten wir nicht aus und wir sollen es auch nicht. Es gibt nur eine rettende Antwort darauf: Die Freiwilligkeit der Hingabe des Sohnes selbst. Er wollte es und wusste, was er tat, als er sich für diesen Weg entschied. Für uns.

Der Karsamstag ist der heilige Feiertag der Geduld. Es geht hier nicht um die Geduld derer, die nur noch ein paar Stunden auf die große Erleichterung zu warten haben. Es geht um die Geduld derer, die vor der vollendeten Tatsache des besiegelten Todes stehen. Es ist die Geduld gegen die Unbegreiflichkeit eines fremden Gottes, von dem behauptet wird, er sei die Liebe selbst, von dessen Barmherzigkeit aber ganz und gar nichts zu spüren ist. Es ist die Geduld der Pietà: die Geduld der Liebe zu dem toten Jesus.

Vorschläge zur Vertiefung

  • Vergegenwärtigen Sie sich an jedem Tag der Karwoche die Stationen des Leidensweges Jesu. Halten Sie inne. Wie betrifft Sie das selbst?
  • Was bedeutet die Kongruenz von Selbstliebe und Nächstenliebe für Sie selbst?
  • Betrachten Sie den Leidensweg Jesu unter dem Gesichtspunkt von Würde und Entwürdigung. Worin zeigt sich die Majestät des Königs der Juden auf diesem Weg? Wie ist Jesus darin Vorbild für Sie selbst?



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